50 Jahre Hauptschule – und jetzt?

Hervorragende Arbeit der Kolleg*innen muss gewürdigt werden

Die Hauptschule feiert 2018 ihr 50-jähriges Bestehen. Wie die Schulen mit dem Jubiläum umgehen, obwohl viele von ihnen keine Zukunft haben, erklären Hans-Wilhelm Bernhard, Vorsitzender des Fachgruppenausschusses Hauptschule der GEW NRW, und Stefanie Sommerey, Hauptschullehrerin, im Interview.
50 Jahre Hauptschule – und jetzt?

Foto: Dominik Buschardt

Die Hauptschule feierte in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Wie gratulierst du der Schulform?

Stefanie Sommerey: Herzlichen Glückwunsch und gib nicht auf, würde ich sagen. Ich bin ja erst seit sechs Jahren dabei, aber ich denke, dass die Hauptschule vielen Jugendlichen Chancen geboten und Wege für eine positive berufliche Zukunft geöffnet hat. Es zeigt sich für mich, dass die Schule den Kindern Halt und Struktur gibt und viel Erziehungs- und Sozialarbeit leistet, nachdem die Kinder viele Negativerfahrungen mitbringen und oft bereits abgeschrieben oder aufgegeben wurden.

Hans-Wilhelm Bernhard: Die größte Herausforderung für die Schulform Hauptschule war und ist sicherlich, lange Zeit im Spannungsfeld zwischen „nicht gewollt und doch gebraucht“ zu stehen. Diese Situation gemeistert zu haben, verdient großen Respekt und Anerkennung.

Mit hohem Engagement stellen sich die Beschäftigten der Herausforderung und bauen die Schüler*innen auf, die es sich als Misserfolg zuschreiben, an der Hauptschule zu sein oder keinen Erfolg an Realschulen oder Gymnasien hatten. Die Pädagog*innen fördern diejenigen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, und diejenigen, die sonderpädagogische Unterstützung benötigen. Sonderkonditionen in dieser besonderen Lage gibt es kaum, weder für die Beschäftigten noch für die Schüler*innen.

Wie wurde das Jubiläum in diesem Jahr gefeiert?

Stefanie Sommerey: Gar nicht.

Hans-Wilhelm Bernhard: Viele Hauptschulen sind aus Volksschulen hervorgegangen. Daher gab es an manchen Hauptschulen schon vor Jahren Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Schule. Manche Hauptschulen in NRW feierten in diesem Schuljahr aber ganz bewusst ihren 50-jährigen Hauptschulbestand. Diese Feierlichkeiten finden auch trotz bevorstehender endgültiger Schließungen statt und werden mit Stolz auf die vollbrachten Leistungen der Kolleg*innen in Bezug auf die Förderung der Schüler*innen in diesem mittlerweile kleinen System begangen. Im Rahmen dieser Feiern würdigten Schuldezernent*innen und Schulamtsdirektor*innen die Schulen.

Wie ist die Stimmung an den Schulen?

Hans-Wilhelm-Bernhard: Ein typisches Beispiel: Nachdem der erste Schock über die Schließung überwunden ist, geben alle Kolleg*innen täglich ihr Bestes, um den Schüler*innen ein möglichst normales Schulleben zu gewährleisten. Hinzu kommt, dass auch Hauptschulen mit Schließungsbeschluss in den höheren Klassen mehrzügig werden. Der Grund dafür liegt überwiegend in den Abschulungen der anderen Schulformen. Den Kolleg*innen ist es eine Herzensangelegenheit, alle ihnen anvertrauten Schüler*innen zu einem möglichst guten Abschluss zu verhelfen.

Oft sind die Energiereserven der Beschäftigten am Limit. Durch den Schließungsbeschluss und das geringere Personaltableau müssen die außerunterrichtlichen Tätigkeiten auf immer weniger Schultern verteilt werden. Schade ist auch, dass wir Eltern keine verbindliche Alternative für Geschwisterkinder nennen können. Alle sind enttäuscht über die geringe Unterstützung und Anerkennung von Politik und Gewerkschaft für unsere Arbeit. Hinzu kommt das Unverständnis, dass die Hauptschulen zwar geschlossen werden, es aber von der Politik keine tragfähigen Konzepte für unsere Schüler*innenschaft gibt!

Stefanie Sommerey: Ich sehe deutlich den Bedarf, aber die Bedingungen für Schüler*innen und Lehrer*innen werden immer schwieriger, sodass die Kräfte, Motivation und Energie bei einigen schwinden.

Wie bewertest du das Ende der Hauptschule?

Stefanie Sommerey: Die Schulform mag abgeschafft werden, aber ich hoffe für die Kinder sehr, dass es immer eine Alternative zu den großen Systemen geben wird. Viele Kinder würden dort einfach untergehen, brauchen doch gerade sie unseren „Schutzraum“. Andererseits frage ich mich, warum zum Beispiel Gesamtschulen abschulen dürfen, wenn sie doch selbst alle Schulformen beinhalten und Hauptschulen für die Politik eigentlich überflüssig sind. Natürlich hat es die Hauptschule als Reste-Auffang-Becken schwer. Ich persönlich habe mich bewusst für die Hauptschule entschieden und halte daran fest, solange es machbar ist. 

Hans-Wilhelm Bernhard: Die Entscheidung ist längst überfällig! Wird die Hauptschule noch gebraucht, muss sie auch bestmöglich ausgestattet werden, um den Herausforderungen gewachsen zu sein. Ist sie nicht mehr gewollt, sollte die Politik Beschäftigten und Schüler*innen der Hauptschule neue Perspektiven eröffnen und den kühnen Schritt wagen, die Schulform endgültig abzuschaffen.

Die Leistung der Kolleg*innen an den Hauptschulen – und hier sind nicht nur die Lehrkräfte gemeint, sondern auch Schulsozialarbeiter*innen und andere Beschäftigte – kann man nicht hoch genug wertschätzen. Sich täglich den beschriebenen Herausforderungen zu stellen, verlangt sicherlich nach einer besonderen Haltung. Dies gelingt nur, wenn der gewählte Beruf auch Berufung ist, einhergehend mit einem hohen pädagogischen und gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein. Daher gebührt allen Beschäftigten der Hauptschulen großer Dank.

Die Fragen stellte Jessica Küppers, Redakteurin im NDS Verlag